Zwei Tage documenta

Wenn schon documenta ist, kann man auch mal nach Kassel fahren. Hier ein paar meiner vielen Eindrücke vom alle fünf Jahre steigenden Mega-Rave der Künste.

Dann mal Kassel. So schlimm ist es da gar nicht, im Prinzip eine Art Wuppertal mit weniger steilen Bergen und mehr altem Geld. Vielleicht wirkt aber auch nur alles so sauber, weil gerade documenta ist. Die Ausstellung geht 100 Tage, wir haben für zwei davon Karten und stürzen uns ganz bewusst ohne viel Vorbereitung ins Getümmel.

Im Fridericianum will ich zunächst ein Bild von Andreas Angelidakis‘ Panzer aus mit Camouflage-Mustern bespannten Sitz-Elementen. Bald darauf entdecke ich eines der Werke, die mich im Haus am meisten begeistern: „Shelter“ von Andreas Lolis zeigt diverse Holz- und Styropor-Teile eines notdürftigen Schlafplatzes – erst auf den zweiten Blick wird klar, dass alles aus Marmor gefertigt ist.

Gut gefallen mir hier auch die (wie von Satelliten aufgenommene Landschaften wirkenden) Detail-Aufnahmen eines riesigen eisernen Tischs von George Hadjimichalis, die spannende Installation „Precarious Archive“ von Stefanos Tsivopoulos und der zehnminütige Film „The Raft“ von Bill Viola. Eine weitere starke Film-Installation läuft in der Orangerie: Der von Romuald Karmakar eigens gedrehte „Byzantion“ – inklusive sattem Klang aus Funktion-One-Hörnern.

In der Neuen Galerie muss ich vor den Nazi-Porträts von Piotr Uklanski natürlich einen Ai Wei Wei – aka meinen Mittelfinger – pullen und errege damit Raunen, aber keinen Unmut von den umstehenden Bildungsbürgern. Die Neue Galerie gefällt mir auch sonst sehr gut, ein Museum mit viel Platz, Licht und interessanten Räumen – sowie Schrumpfköpfen von NSU-Terroristen bei Sergio Zevallos‘ „A War Machine“.

Dagegen empfinden wir die Neue Neue Galerie – eigentlich die ehemalige Neue Hauptpost (I know, right?!) – als düster und eng sowie die meisten ausgestellten Werke als eher beklemmend. Obwohl es hier auch Bilder vom DDR-Fotografen Ulrich Wüst zu sehen gibt, den ich letztes Jahr in Berlin für mich entdeckt habe. Bedrückend bis bizarr auch die nahe Tofufabrik mit einer Videoarbeit über einen Kannibalen.

Drumherum haben wir noch einige andere der insgesamt 35 Schauplätze besucht und sehr viele weitere Kunstwerke erlebt. Um wirklich alles zu sehen, müsste man länger bleiben, aber uns reicht es erst mal. Und außerdem gibt es kein 3-Tages-Ticket.